Die Geschichte einer Multi-Kulti-Pöhlertruppe

Kräftig gewachsen ist die „Di-Do“-Fußball-Hobbytruppe des TV Datteln 09 – verstärkt durch internationale Kicker. Foto: Stephan Breuckmann

Es war an einem kühlen Novembertag im Jahre 2014: Die Hobbyfußballer des TV Datteln 09 ließen auf dem Jahnplatz das Leder laufen. „Plötzlich standen da drei in kurzen Buxen und wollten mitmachen“, erinnert sich Georg Brauckmann-Berger.
27.12.2015

Die drei kamen aus dem benachbarten Flüchtlingsquartier und brachten beim nächsten Mal Freunde mit. Eine Geschichte, die beweist: Sport verbindet.

Kurz vorm Fest hatte die Multi-Kulti-Truppe Weihnachtsfeier. Erst wurde gepöhlt, dann gegrillt – Schweinefleisch sowie Rind- und Kalbfleisch natürlich streng getrennt, damit es auch Muslimen schmeckt.
Auch Gäste kamen – wie die Caritas-Integrationsbeauftragte Elke-Anja Voss sowie Bürgermeister André Dora: „Das hier ist für mich gelebte Integration“, sagt der.

Die Hobby-Truppe ist durch die Fußballfreunde von nebenan gewachsen, wenn nicht sogar gerettet worden, sagt Georg Brauckmann-Berger, der das Hobbyteam gemeinsam mit Michael Walters organisiert. Seit mehr als 20 Jahren trifft sich die „DiDo“-Gruppe – gekickt wird nämlich immer dienstags und donnerstags – am Jahnplatz, doch „ohne die Jungs ständen wir hier teilweise nur noch mit vier, fünf Mann“, sagt Brauckmann-Berger.

Oft kommen die Kicker – die aus Eritrea, Somalia, Guinea, Afghanistan, Irak oder auch Mali stammen – in Mannschaftsstärke. Dann wird schon mal „schwarz gegen weiß“ gespielt, wie sie es auf’m Platz nennen. Aber meist werden die Teams gemischt – ganz im Sinne der Integration.

Zunächst seien nicht alle aus der Mannschaft begeistert gewesen, als die Flüchtlinge aufliefen. „Wir haben uns nicht wirklich verstanden“, sagt Brauckmann-Berger. Aber mit Händen und Füßen und ein paar Brocken Englisch klappt die Verständigung immer irgendwie. Außerdem ist Fußball international. Tor ist Tor, Foul ist Foul und Abseits ist Abseits.

Genau so sieht es auch Bürgermeister André Dora: „Sport ist – neben der Musik – das einzige, was in der Gruppe ohne Sprache funktioniert und trotzdem verbindet.“

Mit Samthandschuhen angepackt wird keiner. „Wenn einer frei steht und daneben- pöhlt, wird er angesaut, egal ob er aus Datteln kommt oder aus Eritrea“, sagt Georg Brauckmann-Berger und grinst.

In erster Linie geht es allen um den Spaß am Kicken. Das Projekt möchte auch der Dattelner Mediendesigner Karsten Schulte unterstützen, der dem Team zwei Sätze Trikots spendierte – einen in rot, einen in grün.
Nach dem Pöhlen, in der „dritten Halbzeit“, kommt man aber auch schon mal ins Gespräch über Flüchtlingsgeschichten. „Wir haben Sachen gehört… echt nicht schön“, sagt Brauckmann-Berger plötzlich ganz ernst. „Das hat uns zusammengeschweißt.“

Zum Beispiel Mohammeds Geschichte: Er ist 20 und kommt aus Somalia. Seit acht Monaten wohnt er in Datteln. Da ihn eine lokale Terrormiliz unter Waffengewalt zwingen wollte, für sie in den Kampf zu ziehen, sah er sich gezwungen, zu flüchten und ließ seine Mutter zurück. „Wo mein Vater ist, weiß ich nicht“, erzählt Mohammed. Eventuell sei er im Gefängnis. Über ein Jahr dauerte seine Flucht, auf der auch einer seiner Freunde erschossen wurde. Elf Monate wurde er in Libyen gefangen gehalten. Mit dem Boot über das Mittelmeer ging es dann weiter und über Turin und München schließlich nach Datteln.

In seiner Heimat sei er ab und an mit Freunden nach Mogadischu gereist, um dort zu pöhlen. „Ansonsten war das aufgrund des Bürgerkriegs kaum möglich, wenn, dann auf der Straße“, erzählt der 20-Jährige. (Im Gespräch verständigte sich Mohammed mit einem Deutsch-Englisch-Gemisch, betonte aber immer wieder, die Fragen bitte auf Deutsch zu stellen, damit er die Sprache schneller lernen kann.)

Hatten sich anfänglich noch einige Kicker der Di-Do-Gruppe gefragt, warum sie für die Platznutzung zahlen müssen und die Flüchtlinge nicht, ist längst Hilfsbereitschaft da. Dem Fußballkumpel mit den abgewetzten Stollen werden bessere Pöhler spendiert und als sich vor ein paar Wochen ein Flüchtlingsheimbewohner ein Bein gebrochen hatte, brachte ihm die Truppe einen Fernseher vorbei. „Denen fällt doch im Container die Decke auf den Kopf“, sagt Brauckmann-Berger. Fußball als Lichtblick im grauen Alltag.

Wenn das Leder rollt auf dem Jahnplatz, ist die Stimmung jedenfalls prächtig in der internationalen Truppe. „Die sind lustig, haben Spaß. Das steckt an“, sagt Brauckmann-Berger über seine neuen Teamkollegen. Und das sieht man auch als Zuschauer.

Alter: 156 Tage
Von: Björn Korte - Dattelner Morgenpost

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